Literarischer Wert?
20. Juni 2009
Warum lesen wir “Die Leiden des jungen Werthers” heute noch?
Die Gattung des Briefromans wird von anderen Autoren wesentlich ausgereifter umgesetzt (vgl. http://deutschkursd2.wordpress.com/2009/04/18/die-literarische-gattung-der-briefromane/). Liegt es an der herzzereißenden Liebesgeschichte, deren Ende betroffen macht? Oder daran, dass jeder eine unglückliche Liebe nachvollziehen kann? Also ein Frage des Themas? Oder liegt es einfach nur daran, dass der gleiche Autor einige Jahre später mit dem “Faust” das wohl bedeutsamste Werk der deutschen Literaturgeschichte veröffentlichte und man nun glaubt, dass alles von ihm lesenswert sei? Also eine Frage des Autors? Oder hat dieses Buch doch einen literarischen Wert, der über die obige Oberflächlichkeit hinausgeht?
26. Juni 2009 um 16:01
Berichtigt mich, wenn ich da falsch liege, aber ich gehe davon aus, dass “wir” den Werther in erster Linie deshalb lesen, weil das niedersächsische Kultusministerium es vorschreibt. (Was nicht bedeutet, dass ich es nicht selbst interessant fand.)
Warum genau “die” das Werk als wertvoll erachten, entzieht sich meiner kenntnis, ich würde jedoch spekulieren, dass dies einerseits daher wägt, dass Goethe als einer der bedeutendsten Schriftsteller der (zumindest deutschen) Literaturgeschichte gilt (also, ja, auch eine Frage des Autors), andererseits damit zu tun hat, dass das Buch, als es erschien, sehr schnell außerordentliche Popularität erlangte und außerdem teils heftige Resonanz in der Leserschaft auslöste, es also den damals in zumindest einem großen Teil der Bevölkerung vorherrschenden Zeitgeist im Kern getroffen zu haben scheint. Dies macht es zweifellos zu einem bedeutsamen Werk, welches außerdem einen tiefen Einblick in damalige Sichtweisen ermöglicht.
13. August 2009 um 18:56
Ich schließe mich seppel an und ergänze, dass es nicht das Ziel des Kultusministeriums ist, uns einen umfassenden und tiefen Einblick in die komplette, deutsche Literaturgeschichte zu geben, was zugegebenermaßen unnötig und unmöglich erscheint.
Es geht vielmehr darum, uns mittels gut gestreuter (darüber kann man in unserem Fall streiten) “Stichproben” einen groben Überblick über die literarische Vielfalt, ihre jeweiligen historischen Kontexte zu geben und an spezifischen Beispielen literarische Methoden der Verarbeitung und Analyse zu erlernen/praktizieren.
Ich fand die Epoche des Sturms und Drangs, für die das Werk Goethes paradigmatisch geeignet war, sehr aufschlussreich im Hinblick auf die vorigen Epochen und geistigen Bewegungen, wie Aufklärung, Romantik und Klassik.
Überdies zeichnet auch Goethes Werther ein Bild von der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, das vom Bedürfnis nach rationaler Klarheit, nach Befreiung von Einschränkungen der Kirche, von Aufbegehren und von Empfindsamkeit geprägt ist.
Auch hier wollte das Kultusministerium (ich möchte mich hier nicht zu dessen Verfechter erklären) den Schülern aus den Geschichtskursen das Schlagen einer fächerübergreifenden Brücke zu deren Thema in 13.1, der französischen Revolution, ermöglichen.